Dr. med. Martin Noelke: „Vorstellung eines Behandlungskonzeptes für ME/CFS- und Long-COVID-Patienten: Schritt für Schritt”
Einleitung
Das Buchprojekt „Die chronische Erschöpfung – ärztlicher Rat und Therapie bei ME/CFS und Long COVID“ wurde von Frau Sabine Kapfhammer (Lektorat), Herrn Matthias Seibert (Webmaster) und Dr. med. Martin Noelke (Autor) realisiert. Ziel ist es, den Gesundheitszustand und die Lebensqualität von ME/CFS- und Long-COVID-Patienten zu verbessern. Das Buch ist dem Arzt und Mitochondrienforscher Dr. sc. med. Bodo Kuklinski gewidmet, der die Mitochondrienforschung ganz wesentlich vorangetrieben hat. Er genießt unsere größte Wertschätzung.
Gestatten Sie mir zunächst einige wichtige Anmerkungen, u. a. zur derzeitigen Situation unserer Praxis, zum besseren Verständnis der Krankheiten und zur Durchführung des Behandlungskonzeptes.
Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass meine Überlegungen keinen Ersatz für eine konventionelle medizinische Behandlung darstellen. Die Überlegungen in diesem Therapiekonzept machen eine medizinische Behandlung einer bestehenden Erkrankung nicht überflüssig. Sprechen Sie in diesen Fällen mit Ihrem Arzt, beherzigen Sie seinen Rat, und halten Sie sich an seine Therapiehinweise. Bezüglich Haftungsausschluss- und Freistellungserklärung gilt folgendes: Der Gesetzgeber fordert in § 630a BGB, dass die ärztliche Behandlung nach „allgemein anerkannten fachlichen Standards“ zu erfolgen hat. Er formuliert jedoch eine Öffnungsklausel, nach welcher im Einvernehmen mit dem Patienten von diesem Grundsatz abgewichen werden darf, um beispielsweise bei seltenen Erkrankungen neue Therapien zu ermöglichen. Davon soll vor dem Hintergrund, dass medizinisches Neuland betreten wird und es einen allgemein anerkannten fachlichen Standard bzgl. einer Behandlung bei einigen Krankheitsbildern noch nicht gibt, Gebrauch gemacht werden. Mit der Nutzung dieses Therapiekonzeptes erkennen die Leserinnen und Leser diese mit der Vereinbarung abweichender Behandlungsstandards korrespondierende Haftungsbeschränkung ausdrücklich an und erklären sich damit einverstanden, den Autor oder seine Mitarbeiter von sämtlichen Ansprüchen Dritter freizustellen, die im Zusammenhang mit der Anwendung oder Weitergabe der hier enthaltenen Informationen entstehen könnten.
Sie als ratsuchender Patient und wir als Praxis, die sich momentan in Teilen organisatorisch neu erfindet und keine neuen Patienten mehr aufnehmen kann, stecken in einem Dilemma. Beratungsangebote sind äußerst rar gesät. Die wenigen Spezialambulanzen sind überlaufen, beide Krankheiten werden viel zu selten diagnostiziert, viele Ärzte sind ratlos, eine spezifische Medikation ist nicht in Sicht.
Mit unserer Videoreihe „Schritt für Schritt“ werden wir versuchen, einen Teil der Betroffenen über unseren YouTube-Kanal zu erreichen. Dabei werden wir die einzelnen Therapiesäulen detailliert darstellen und erklären. Nur so können wir eine große Community erreichen.
Wir haben die wichtigsten Hinweise zur Behandlung aus dem Buch „Die chronische Erschöpfung: Ärztlicher Rat und Therapie bei ME/CFS und Long COVID“ auf das Wesentliche konzentriert.
In Klammern gesetzte Seitenzahlen helfen Ihnen beim Nachschlagen im Buch, um gegebenenfalls Sachverhalte zu recherchieren oder Wissen zu vertiefen.
Sämtliche Quellenverweise finden Sie ebenfalls im Buch.
Das Buch
„Die chronische Erschöpfung – ärztlicher Rat und Therapie bei ME/CFS und Long COVID“ können Sie hier erwerben:
Die wichtigsten Botschaften vorab:
- Wir nehmen Sie mit Ihrem immensen Leid sehr ernst!
- Wir schicken Sie nicht in eine Reha. Sie werden sich im Wesentlichen mit Hilfe von mitfühlenden Partnern, Ihren Angehörigen und Freunden selbst behandeln!
- Sie müssen auf nichts warten, um mit dem ersten Schritt zu beginnen.
- Ihre Erkrankung beruht auf keiner Einbildung, sondern ist körperlich begründbar! (S. 28ff.)
- Verschiedene Ursachen werden für diese Volkskrankheiten diskutiert.
- Keine dieser Deutungen erklärt die Ursache beider Erkrankungen besser als die erworbene oder sekundäre Mitochondriopathie.
- Ihre Zellkraftwerke, die Mitochondrien, sind im Rahmen einer erworbenen, sekundären Mitochondriopathie dysfunktional geworden. (S. 49ff.)
- Die Mitochondrien produzieren zu wenig ATP oder Adenosintriphosphat, ihre Energiewährung.
- Daraus resultiert Ihre Erschöpfung!
- Mitochondriopathien werden häufig durch Viren ausgelöst, im Falle von Long COVID ist es das SARS-CoV-2 Virus. (S. 38ff. und S. 303ff.)
- Wir, mein kleines Team und ich, sind angetreten, Ihnen zu helfen, dies zu ändern. Wir wollen Ihnen helfen und setzen alles daran, Ihren Gesundheitszustand und Ihre Lebensqualität zu verbessern.
ME/CFS, die myalgische Enzephalomyelitis bzw. das chronische Fatigue Syndrom sowie Long COVID sind hochkomplexe neuroimmunologische Multi-Systemkrankheiten auf dem Boden einer sekundären oder erworbenen Mitochondriopathie.
Die Komplexität ist durch die Vielzahl der verschiedenen Krankheitssymptome gegeben, die in Ausprägung und Abfolge oft wechseln, wodurch das Krankheitsbild schwer durchschaubar ist. Eine neuroimmunologische Erkrankung betrifft das Nerven- und Immunsystem. Unter Multi-Systemkrankheit versteht man ein Krankheitsbild, welches viele Organsysteme betrifft wie beispielsweise Gehirn, Herz, Gefäßsystem, Lunge, Verdauungstrakt, Muskulatur etc. (S. 68ff.)
ME/CFS und Long COVID sind durch eine sekundäre, also erworbene Mitochondriopathie, bedingt. ME/CFS und Long COVID sind nur zwei von mittlerweile über 400 bekannten Mitochondriopathien. Die meisten Leserinnen und Leser dieser Zeilen haben bestimmt viele eigene Recherchen im Netz durchgeführt. Dabei sind Sie sicher immer wieder auf die mitochondriale Dysfunktion gestoßen – und darum geht es jetzt:
Mitochondrien sind winzige Zellorganellen, die in großer Zahl in jeder Körperzelle mit Ausnahme der roten Blutkörperchen vorkommen. Sie bilden die Zellenergie ATP (Adenosintriphosphat), unsere „Energiewährung“. Wenn die Mitochondrien beispielsweise durch einen Virusinfekt dysfunktional werden, produzieren sie nur noch unzureichende Mengen ATP. Es kommt zu vielen Fehlfunktionen im Organismus und zu einer alles dominierenden Erschöpfung, zur Fatigue. ME/CFS und Long COVID sind eindeutig organisch begründbare Krankheiten. Hierzu gibt es eine Fülle von gut publizierten, wissenschaftlichen Arbeiten. (S. 28ff.)
Die betroffenen Patienten bilden sich ihre Krankheit nicht ein. Sie sind weder psychisch, psychosomatisch oder psychiatrisch erkrankt! Diese Feststellung ist immens wichtig, da die Betroffenen sehr häufig stigmatisiert und mit einer psychiatrischen Diagnose belegt werden. (S. 247ff.)
Dieses Behandlungskonzept erläutert die einzelnen sogenannten Therapiesäulen, die bei der Behandlung von ME/CFS und Long COVID zur Anwendung kommen. Die therapeutischen Möglichkeiten wurden in einem sogenannten multimodalen Therapiekonzept zusammengefasst. (S. 89.)
Die Behandlung ist nur mit Hilfe von mitfühlenden Angehörigen, Partnern oder Freunden vorstellbar, da viele Patienten aufgrund ihrer oft eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten möglicherweise nicht in der Lage sind, ein derartig umfassendes Therapiekonzept umzusetzen.
Mit der Behandlung kann sofort begonnen werden. Sie ist im Wesentlichen sehr kostengünstig.
Bevor begonnen wird, sind noch die Fragebögen mit den Kanadischen Konsenskriterien auszufüllen (S. 61ff.) und mit Hilfe des Bell-Scores das persönliche Energieniveau zu bestimmen. (S. 74ff.)
Beide Fragebögen können Sie sich von der Homepage der Charité Berlin herunterladen. Die Charité ist eine exzellente Adresse für diese Krankheiten.
Die Beantwortung des PEM-Fragebogens der TU München ist erforderlich, um ein Kardinalsymptom, die Post-Exertionelle Malaise (PEM) nach übermäßiger Anstrengung zu dokumentieren. (S. 78ff.)
Eine vorherige Blutentnahme ist unabdingbar. Lassen Sie folgende Laborwerte bestimmen:
- Vollblutmineralanalyse (ein großes Profil umfasst die Bestimmung von Natrium, Kalium, Kalzium, Magnesium, Kupfer, Eisen, Zink, Selen sowie weitere essentielle Elemente wie Bor, Chrom, Kobalt, Jod, Molybdän, Phosphor, Mangan sowie die potentiell toxischen Elemente Aluminium, Arsen, Blei, Cadmium, Nickel, Quecksilber, Thallium, Vanadium, Zinn).
- Ferritin, CRP, BSG
- kleines Blutbild
- NT-proBNP
- Glukose (NaF)
- GPT, Gamma-GT, CHE
- Kreatinin
- TSH
- Die Vitamine B6, B9, B12, D3
- Cholesterin, HDL- und LDL-Cholesterin, Triglyzeride
- Blutzuckerlangzeitwert HbA1c (S. 206ff.)
Ich erläutere Ihnen jetzt Schritt für Schritt, wie Sie sofort beginnen können. Ich verweise in diesem Zusammenhang nochmals auf den eingangs vorgestellten Disclaimer. Ich wünsche Ihnen gute Besserung und hoffe, dass wir für unser eingangs beschriebenes Dilemma eine gute Lösung gefunden haben, indem Sie mit Ihrer Behandlung selbst beginnen.
Auch Patienten, die nicht an ME/CFS, Long COVID oder weiteren Multi-Systemkrankheiten wie Fibromyalgie, Multiplem Chemikaliensyndrom, Golfkriegssyndrom (Amerika) u. a. erkrankt sind, sondern sich einfach nur chronisch erschöpft fühlen, profitieren möglicherweise von diesen Hinweisen.
Erster Abschnitt: Ernährung, Schlaf, Mikronährstofftherapie I, Pacing
Im ersten Abschnitt geht es um das Ernährungskonzept, um die Optimierung des gestörten Nachtschlafs und um die erste Etappe der Mikronährstofftherapie. Weiterhin werden Hinweise zum Pacing gegeben.
Die Ernährung ist die wichtigste Therapiesäule in diesem Konzept. (S. 104ff.) Der ideale Brennstoff für die Mitochondrien ist nicht etwa Glukose oder Blutzucker.
(S. 106ff.) Es sind sogenannte Ketonkörper, die beim Abbau von Fettgewebe oder zugeführtem Nahrungsfett entstehen. Das beta-Hydroxybutyrat ist der wichtigste Ketonkörper und bester Energielieferant. Fettgewebe wird nur mobilisiert und zu Ketonkörpern verstoffwechselt, wenn niedrige Insulinspiegel im Organismus vorherrschen. Niedrige Insulinspiegel erreicht man durch eine Reduktion der Kohlenhydrate, in diesem Fall auf 40 Gramm pro Tag und den unbedingten Verzicht auf alle Süßspeisen, die Industriezucker enthalten. Patienten, die mit blutzuckersenkenden Medikamenten oder Insulin behandelt werden, sollten sich bezüglich einer notwendigen Dosisreduktion an ihre behandelnden Ärzte wenden.
Wichtig ist die Begrenzung der Eiweißmenge, die Sie selbst leicht ausrechnen können, indem Sie Ihre Körpergröße in Metern mit dem gleichen Wert nochmals multiplizieren. Dieses Ergebnis wird mit dem Faktor 21,7 multipliziert. Der errechnete Wert entspricht der maximalen Eiweißmenge in Gramm, die täglich verzehrt werden darf und die Sie für viele Stoffwechselvorgänge benötigen. Falls mehr Eiweiß zugeführt wird, werden die in dem Eiweiß enthaltenen Aminosäuren zu Glukose umgewandelt, was wiederum den Blutzuckerspiegel erhöht und eine Insulinausschüttung nach sich zieht. Die Umwandlung von Fettgewebe in Ketonkörper wird durch die Erhöhung des Insulinspiegels beeinträchtigt bzw. gestoppt. (S. 112ff.)
Eine ketogene Diät ist also eine strikt kohlenhydratreduzierte Diät mit einer exakt bemessenen maximalen Eiweißmenge, bei gleichzeitigem Verzicht auf jedwede Süßwaren.
Fette, allen voran das Kokosfett, sind selbstverständlich erlaubt. Rohkost, Nüsse, Gemüse und Salat sind weitere wichtige Grundlagen. Beerenobst hat einen niedrigen Fruchtzuckergehalt und ist anderen Obstsorten unbedingt vorzuziehen. (S. 106ff.)
Diese zunächst etwas kompliziert klingende Ernährungsform wird Ihnen leicht gemacht, indem Sie dem Arzt und Autor Dr. Bruce Fife folgen, der ein sehr gutes Kochbuch mit 450 ketogenen Rezepten verfasst hat. Titel: „Mein Keto Kochbuch“ (ISBN: 978-3-86731-194-6).
Aus meiner Sicht ist dies der sicherste Weg, eine ketogene Diät für die nächsten Wochen und Monate durchzuführen. Lassen Sie sich bei der Ernährungsumstellung zwei bis drei Wochen Zeit. Ihr Organismus ist an jahrelange Ernährungsgewohnheiten angepasst und könnte bei zu rascher Umstellung mit verschiedenen Unstimmigkeiten reagieren.
Neben der ketogenen Diät ist die Befolgung der zweiten Regel unabdingbar: Die Nahrung muss möglichst naturbelassen sein! (S. 116ff.)
Mitochondrien – insbesondere ihr Erbgut – sind hochempfindlich und reagieren mit Funktionsstörungen auf viele chemische Einflüsse, die in den zum Teil hochgradig verarbeiteten Produkten der Lebensmittelindustrie enthalten sind. Zusätze wie Konservierungsstoffe, Farbstoffe, Geschmacksverstärker, Süßstoffe, Emulgatoren etc. sorgen dafür, dass unser Stoffwechsel, insbesondere auch der Stoffwechsel der Mitochondrien, aber auch die Regulation von Appetit und Sättigung, nachhaltig gestört werden. Essen Sie also nur naturbelassene Nahrungsmittel!
Trinken Sie ausreichende Mengen und bevorzugen Sie Wasser. Die Mindesttrinkmenge berechnen Sie, indem Sie Ihr Körpergewicht in kg verdoppeln und eine Null dranhängen. Das ist Ihre Mindesttrinkmenge in Millilitern. (S. 178f.)
Dennoch könnte es passieren, dass Sie dehydriert sind, Ihr Körper also zu wenig Wasser aufweist. Sie können diesen Zusammenhang folgendermaßen testen: Entleeren Sie Ihre Blase. Trinken Sie drei Gläser Wasser. Nach einer Stunde gehen Sie erneut auf die Toilette und entleeren Ihre Blase in ein Gefäß. Wenn Sie weniger als ein Drittel Ihrer Trinkmenge ausscheiden, sind Sie in diesem Moment dehydriert, und dann sollten Sie Ihren Flüssigkeitspool auffüllen.
Bedenken Sie auch, dass eine naturbelassene Ernährung und der Verzicht auf industriell produzierte Lebensmittel in der Regel deutlich günstiger ist und somit Geld spart. Viele Patienten mit ME/CFS oder Long COVID haben einen sozialen Absturz mit erheblichen finanziellen Einbußen erlebt. Ich selbst habe die ketogene Diät schon lange für mich als ideale Ernährungsform entdeckt und verdanke ihr ein deutlich gebessertes Energieniveau.
Der nächste Schritt ist die Optimierung des Nachtschlafes, der bei den meisten Patienten fast immer im Sinne von Einschlaf- oder Durchschlafstörungen beeinträchtigt ist. (S. 170ff.) Für eine allgemeine Regeneration, erst recht für die Rehabilitation der Mitochondrien, ist ein guter Schlaf unabdingbar. Der gestörte Nachtschlaf ist ein sehr ernstes und überaus verbreitetes gesundheitliches Problem. Ich habe diese Therapiesäule in wenige, äußerst einfach zu befolgende Regeln zusammengefasst:
- Vermeiden Sie in den letzten beiden Stunden vor dem Beginn des Nachtschlafes sogenanntes blaues Licht, welches von Handys, Computern oder dem Fernsehen ausgestrahlt wird. Blaues Licht verhindert die Freisetzung des Schlafhormons Melatonin, welches für die Schlafanbahnung unabdingbar ist.
- Das Schlafzimmer sollte gut belüftet und kühl sein.
- Jedweder Lärmeinfluss ist zu minimieren. Benutzen Sie ggf. Gehörschutzmittel.
- Abendliche Alkoholkarenz ist sehr wichtig. Es ist schon lange erwiesen, dass Alkohol die Schlafqualität deutlich verschlechtert.
- Durchschlafstörungen erklärt Dr. Kuklinski mit einem Energiemangel des Gehirns während der Nacht, wogegen das sogenannte Spätstück hilft. Zwischen der Abendmahlzeit und dem Frühstück liegen oft mehr als zwölf Stunden, was vom Gehirn der Patienten oft nicht vertragen wird. Dieses Energiedefizit wird vermieden, indem Sie vor dem Schlafengehen eine Scheibe Vollkornbrot verzehren. Das Brot wird mit Butter bestrichen, wodurch die Resorption sehr stark verzögert wird. Die Energieversorgung Ihres Gehirns während der Nacht wird erheblich verbessert. Die Bildung von Ketonkörpern wird durch das Spätstück nicht beeinträchtigt.
- Wenn Sie unter unruhigen Beinen, Schnarchen oder Atemaussetzern leiden, ist eine Abklärung im Schlaflabor empfehlenswert.
- Das nächtliche Wasserlassen ist ausgesprochen ärgerlich und oft vermeidbar. Versuchen Sie nach 18 Uhr nur noch sehr wenig zu trinken, und entleeren Sie Ihre Blase unmittelbar vor dem Schlafengehen.
- Eine völlig unterschätzte Störung des Nachtschlafes ist eine behinderte Nasenatmung, die vom HNO-Arzt in der Regel einfach diagnostiziert und behandelt werden kann.
Im Folgenden geht es um die sogenannte Mikronährstofftherapie, die mit Abstand aufwändigste, auch schwierigste Therapiesäule in unserem Konzept. Dr. Kuklinski hat in seinem Lehrbuch „Mitochondrien – Symptome, Diagnose und Therapie“ dem Thema Mikronährstoffe einen breiten Raum gewidmet. Er geht diesbezüglich in vier Etappen vor.
Kommen wir zur ersten Etappe: Die Mikronähstofftherapie der ersten Etappe umfassen Vitamin D3, Kalium, Magnesium, Kalzium, Zink, Eisen, Selen, Mangan, Kupfer, Molybdän, Chrom und Silizium. (Silizium ist leider nicht Bestandteil der Vollblutmineralanalyse.) (S. 212ff.)
Ich habe alle Mikronährstoffe, die für die Funktion der Mitochondrien unabdingbar sind, nebst täglicher Dosierung entsprechend den einzelnen Behandlungsetappen in einer Tabelle auf Seite 214 und 215 meines Buches abgebildet.
Auf die einzelnen Dosierungen gehe ich an dieser Stelle nicht ein, da sonst der Umfang des Behandlungskonzeptes gesprengt würde. Sie können sich anhand der Tabelle informieren. Nehmen Sie nur die Mikronährstoffe ein, die nach Ihrer Blutuntersuchung defizitär sind.
Erschrecken Sie nicht über die Vielzahl der einzelnen Mikronährstoffe. Bedenken Sie auch, dass eine vollwertige, abwechslungsreiche, pflanzenbasierte Ernährung einen Mangel an Mikronährstoffen (mit Ausnahme von Vitamin D3) nahezu ausschließt.
Als letzten Punkt im Rahmen des ersten Abschnitts komme ich auf das Pacing zu sprechen. (S. 239ff.) Körperliche Aktivität und die notwendige Reduktion auf das Pacing – eben die Einhaltung der individuellen Belastungsgrenzen durch ein Energiemanagement – sind unabdingbar. Pacing erfährt viel Beachtung bei den verschiedenen Fachgesellschaften. Es herrscht Einigkeit darüber, dass die betroffenen Patienten lernen müssen, mit ihren verbliebenen Energiereserven äußerst sorgsam umzugehen, um sich nicht zu überlasten, damit sie in den folgenden Tagen, manchmal auch Wochen nicht in eine lähmende Erschöpfung (PEM) verfallen. Auch wenn Pacing kein einziges Molekül ATP erzeugt, bleibt es dennoch eine ganz wesentliche Therapiesäule. Es gilt für Sie, die Grenzen für die Möglichkeiten, aktiv zu sein, selbst herauszufinden. Dann wissen Sie in etwa, in welchem Umfang Aktivitäten ausgeübt werden können, ohne die Symptomatik zu verschlimmern. Führen Sie Aufzeichnungen oder eine Art Protokoll, um zu erkennen, was Sie Tag für Tag tun und welche Folgen das für Sie hat. Sie erkennen dann besser die Zusammenhänge zwischen Ihrem Aktivitätsniveau und Ihren Symptomen.
Pacing bedeutet auch Planung, indem Sie im Voraus entscheiden, was Sie an diesem Tag oder beispielsweise in einer Woche unternehmen wollen.
Sie sollten sich dann so weit wie möglich an diesen Plan halten. Damit können Sie mit der Zeit und etwas Glück ein stabileres und beherrschbareres Leben führen. Versuchen Sie, den Umfang Ihrer Aktivität und der notwendigen Ruhepausen jeden Tag so gut es eben geht einzuhalten. Eine oder zwei Ruhepausen von 15-20 Minuten täglich sind notwendig, wobei die Dauer der Pausen jedoch individuell erheblich variieren kann. Der mit Abstand beste Beitrag zum Pacing findet sich in Heft 36 der Schriftenreihe des Fatigatio e.V. Berlin. Dieser Fatigatio-Leitfaden ist unbedingt lesenswert, deckt alle Facetten dieses Themas ab und ist somit als solide, eigenständige Therapiesäule zu betrachten. Die S1-Leitlinie zu Long/Post COVID gibt ebenfalls sehr gute Hinweise zu diesem Thema. Auf den Seiten 239 bis 245 meines Buches wird weiteres Wissen vermittelt.
Dies war der erste, umfangreichste und wohl auch wichtigste Abschnitt unseres Konzeptes. Beginnen Sie so rasch wie möglich. Jetzt wird alles leichter. Lassen Sie sich gegebenenfalls helfen. Wer erst begonnen hat, der hat schon halb vollendet. Bleiben Sie dran, und lassen Sie in der Folgezeit nicht nach!
Zweiter Abschnitt: Rückblick auf Abschnitt 1, Reduktion chemischer Belastungen, Darmgesundheit, Mikronährstofftherapie II
Jetzt sind möglicherweise einige Wochen vergangen. Schauen Sie jetzt auf die beiden Fragebögen (CCC und PEM). Hat sich etwas verändert? Wie beurteilen Sie Ihren Bell-Score? Schlafen Sie besser, vor allem: Schlafen Sie einigermaßen durch? Kommen Sie mit Ihren Energiereserven gut zurecht? Wenn Sie diese Fragen überwiegend bejahen, ist es an der Zeit, den Inhalt des zweiten Abschnitts mit Leben zu füllen.
Wichtig ist die Verträglichkeit der Mikronährstoffe der ersten Etappe. Werden jetzt keine Unverträglichkeiten angegeben, können Vitamin B1, Cholin und α-Liponsäure in die Therapie eingeführt werden. Die Mikronährstoffe der ersten Etappe werden unverändert weiter eingenommen. (S. 222)
Kommen wir nun zur Reduktion chemischer Belastungen und zur Darmgesundheit.
Es geht um vorbeugende Maßnahmen, den Organismus vor toxischen Belastungen zu schützen und das Immunsystem im Sinne einer besseren Darmgesundheit mit einfachen Maßnahmen zu optimieren. Viele Stoffe aus der Umwelt haben einen schädigenden Einfluss auf unsere Körperzellen und somit auch auf die Mitochondrien. Chemische Verbindungen wie Pestizide, Weichmacher, Lösungsmittel etc. werden gezielt oder diffus in die Umwelt freigesetzt und sind potenziell toxisch. Eine fast drastische Reduktion schädlicher Einflüsse kann man durch eine bewusste Auswahl der Lebensmittel bewirken. Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker, Farbstoffe, Emulgatoren und Süßstoffe haben in unserem Organismus nichts zu suchen. Lebensmittel aus dem eigenen Garten oder biologischem Anbau bieten einen gewissen Schutz. (S. 158ff.)
Diese naturbelassenen Nahrungsmittel müssen unseren Organismus mit seinen Billionen Mitochondrien nährstoffmäßig versorgen.
Das Erbgut der Mitochondrien schwimmt gewissermaßen in seinem Zytoplasma oder Zellwasser frei herum und ist nicht wie das Erbgut der Zellen in einem Zellkern gut geschützt. Es ist somit hochgradig anfällig für chemische und toxische Verbindungen und eben auch für Viren.
Sie werden sich bald fragen, warum in der Folge so viel über Darmgesundheit referiert wird. (S. 147ff.) Das Immunsystem ist Ihr Abwehrsystem, welches Sie vor allem vor Krankheitserregern wie Bakterien oder eben auch Viren schützt. Haut und Schleimhäute wie auch die Darmschleimhaut sind zuvorderst die wichtigsten Schutzschilde. In Ihrem Verdauungstrakt beherbergen Sie mehr Bakterien, als Sie Körperzellen besitzen, wobei diese Bakterien von Ihrem Immunsystem in Schach gehalten werden müssen. 75-80% aller immunkompetenten Zellen sind aus diesem Grund entlang des Magen-Darm-Traktes angesiedelt.
Im Rahmen der Verdauungsarbeit hat die Leber auch die Aufgabe, unseren Organismus von Schadstoffen und Stoffwechselendprodukten zu befreien. Über die Galle gelangen diese Schadstoffe in den Darm. Jetzt kommen die Ballaststoffe ins Spiel. Die Stoffwechselendprodukte und Schadstoffe, die entsorgt werden müssen, lagern sich an die Ballaststoffe an und gelangen so in den Dickdarm. Üblicherweise wird im Dickdarm sehr viel Wasser aus dem Darminhalt resorbiert, wodurch Flüssigkeitsverluste vermieden werden. Die resorbierte Flüssigkeit gelangt dann über den sog. enterohepatischen Kreislauf (Leberkreislauf) erneut zur Leber, wo sie dann erneut verstoffwechselt und entgiftet werden muss. Das belastet den Stoffwechsel und kostet vor allem zusätzliche Energie.
Werden nun über die Ernährung besonders viele Ballaststoffe zugeführt, wie z. B. Flohsamenschalen, geschrotete Leinsaat, Weizenkleie oder – besonders hilfreich – Kokosraspeln, dann wird der Großteil der Flüssigkeit im Dickdarm mit allen zu entsorgenden Stoffwechselresten an die Ballaststoffe gebunden und verlässt mit dem Stuhlgang den Körper. Dabei kommt es zu einer häufigeren Stuhlfrequenz, auch nimmt das Stuhlvolumen zu. Dadurch kommt es zu einer erheblichen Entlastung des Immunsystems. Jedweder Aspekt zur Verbesserung des Immunsystems muss bei Multi-Systemkrankheiten Berücksichtigung finden. Ein optimales Mikrobiom (Darmflora), welches sich oft nach kurzer Zeit bei einer naturbelassenen Ernährung einstellt, entlastet ebenfalls das Immunsystem wie auch die Leber.
Medikamente können einen äußerst problematischen Einfluss auf die Darmflora haben, angefangen über Durchfälle, mangelhafte Resorptionsleistung bis hin zu Blutungen. Es handelt sich im Wesentlichen um Antibiotika, Medikamente zur Verminderung der Peristaltik (Darmtätigkeit) bei Durchfällen, Antirheumatika sowie Medikamente zur Verringerung der Magensäure. Hier können Langzeitbehandlungen kritisch sein. (S. 146f.)
Mein tägliches Rezept für zusätzliche Ballaststoffe: Ein Teelöffel Leinsaat, ein Esslöffel Weizenkleie und ein Esslöffel Kokosraspeln werden in einer Kaffeemühle gemahlen. Das resultierende Pulver wird mit etwas Saft oder Wasser vermischt und im Rahmen einer Hauptmahlzeit getrunken. (S. 148)
Ein weiterer, ausgesprochen wirksamer Hebel für mehr Darmgesundheit besteht darin, entzündungsfördernde Lebensmittel vom Speiseplan zu eliminieren und entzündungshemmende Lebensmittel zu bevorzugen. (S. 120f.)
2009 wurde erstmals das Entzündungspotential von verschiedenen Nahrungsparametern mit dem DII, dem Dietary Inflammatory Index beschrieben. Das stärkste entzündungshemmende Potential besitzt Kurkuma, gefolgt von den Ballaststoffen, weiter gefolgt von Karotin – grünem/schwarzem Tee – Magnesium – Vitamin D3 – Omega-3-Fettsäuren – Vitamin C – Vitamin E – Knoblauch – Vitamin A – Vitamin B6 – Omega-6-Fettsäuren – Zink – Zwiebel – Niacin (Vit. B3) – Selen – Folsäure (Vit. B9) – Pfeffer – Koffein – Thiamin (Vit. B1) – Riboflavin (Vit. B2).
Entzündungsfördernd sind dann in aufsteigender Reihenfolge Eiweiße – Kohlenhydrate usw. Ich beende hier die Aufzählung, die Ihnen jedoch eine gute Orientierung gibt.
Eine kurze Anmerkung zu Kurkuma und grünem Tee: Beide verbessern nachweislich die endotheliale Dysfunktion (Fehlfunktion der Gefäßinnenhaut, auch ein wesentlicher Faktor beim Krankheitsgeschehen von ME/CFS und Long COVID).
Wieder gilt: Bleiben Sie dran, lassen Sie in Ihren Bestrebungen nach mehr Lebensqualität und besserer Gesundheit nicht nach!
Dritter Abschnitt: Rückblick auf Abschnitt 2, Stressreduktion, Scheinfasten, Autophagie, Entgiftung, Mikronährstofftherapie III
Überprüfen Sie erneut anhand der Kanadischen Konsenskriterien, des PEM- und des Bell-Scores, ob es zu Veränderungen gekommen ist. Anschließend wird erneut die Verträglichkeit der bisher durchgeführten Mikronährstofftherapie beurteilt. Wenn hier keine Unverträglichkeiten angegeben werden, werden jetzt die B-Vitamine entsprechend der dritten Etappe der Mikronährstofftherapie nach Dr. Kuklinski in die Therapie eingeführt, dazu Coenzym Q10 und Glutathion. (S. 223ff.) Die Vorstufe zum Glutathion, das NAC – Sie kennen es als Schleimlöser – lässt die Glutathionspiegel ansteigen. Hier sind 2 x 300 mg in der Regel ausreichend. Wichtig ist die Qualität des Coenzym Q10. Hier sollten Sie keinesfalls sparen. Die Mikronährstoffe der ersten und zweiten Etappe werden weiter eingenommen.
Anschließend geht es um die Stressreduktion.
Für Ihre Genesung, insbesondere auch die Rehabilitation der Mitochondrien, ist Stressreduktion unabdingbar. Akuter Stress lässt sich leider nicht immer vermeiden. (S. 165ff.)
Anders verhält es sich mit chronischem Stress bedingt durch Leistungsdruck, Konflikte im Rahmen der Familie oder im sozialen Umfeld etc. Dieser chronische Stress ist ein Teufelskreis. Die geringen ATP-Reserven der Patienten steigern die Stressempfindlichkeit. Sie reagieren überempfindlich auf einfache äußere Reize wie Licht, Lärm, Geräusche, visuelle und akustische Informationen, Gerüche u. v. m. Der Stoffwechsel reagiert, der Bedarf an Omega-3-Fettsäuren, Zink, Magnesium und Kalium steigt an und kann nicht mehr über eine normale Kost gedeckt werden. Eine chronische Sympathikusaktivierung führt stets zu ATP- und Magnesiumverlusten.
Der Parasympathikus, der beruhigende Anteil des vegetativen Nervensystems, vergleichbar mit dem Bremspedal, ist nicht mehr in der Lage, gegenzusteuern. Dieser Teufelskreis ist ohne ein umfassendes Therapiekonzept kaum zu durchbrechen.
Finden Sie also heraus, wer oder was für Stress sorgt, wobei Sie in der Regel schnell fündig werden. Versuchen Sie konsequent, alle Stressoren zu eliminieren. Lassen Sie sich gegebenenfalls professionell helfen.
Die nächsten drei Therapiesäulen: Scheinfasten, Autophagie und Entgiftung werden auf Grund ihrer engen Verflechtungen als Ganzes erläutert. Für Dr. Kuklinski ist das Fasten bei Multi-Systemkrankheiten eine wichtige Therapiesäule, insbesondere im Hinblick auf die Rehabilitation der Mitochondrien. Im Rahmen des Fastens werden nicht nur Fette verbrannt und Ketonkörper gebildet, sondern auch chronische Entzündungen reduziert. Die Auswirkungen des Fastens auf das Immunsystem sind Legion. Ganz wichtig: Die Mitochondrien werden regeneriert. Extreme wie beim sog. Saft- und Gemüsefasten können jedoch gefährlich sein. Auch andere Fehler beim Fasten sind möglich.
Mit einer relativ neuen Therapieform, dem Scheinfasten, gelingt es, sämtliche Vorteile des Fastens zu generieren, ohne jedoch irgendwelche Nachteile in Kauf zu nehmen. (S. 136ff.)
Professor Valter Longo beschreibt eine wissenschaftlich erprobte Ernährung für ein gesundes und langes Leben, die Longevità-Diät. Im Rahmen dieser Diät werden gesunde Menschen ermuntert, zweimal im Jahr für fünf Tage ein sog. Scheinfasten durchzuführen. Chronisch Erkrankten empfiehlt er, dieses Scheinfasten einmal pro Monat zu absolvieren.
Beim sog. Scheinfasten darf weiter gegessen werden, jedoch gibt es bei der Auswahl der Nahrungsmittel und der Kalorienzahl klare Vorgaben. Am ersten Tag dürfen 1.100 Kalorien verzehrt werden, am zweiten bis fünften Tag nur 800 Kalorien. Danach wird das Scheinfasten beendet. Die Kalorien bestehen je zur Hälfte aus sog. komplexen Kohlenhydraten und gesunden Fetten. Unter komplexen Kohlenhydraten versteht Professor Longo in erster Linie Gemüse, Rohkost und Salat, die bekanntermaßen sehr kalorienarm sind. Unter den guten Fetten, welche die andere Hälfte der Kalorien ausmachen, versteht er eine Mischung aus Nüssen und etwas Olivenöl. Es wird immer wieder vergessen, dass 40% aller Kalorien nur für die Verdauungsarbeit aufgewendet werden müssen. Der Verzehr von Rohkost, Salat und Gemüse mit äußerst geringer Kaloriendichte bewirkt, dass der gesamte Verdauungsprozess weiterläuft, was eine erhebliche Menge an Kalorien erfordert. Der Stoffwechsel schaltet dann aufgrund der geringen Kaloriendichte der Nahrung und der notwendigen Verdauungsarbeit automatisch auf den Fastenstoffwechsel um. Es wird aber nicht nur Fettgewebe reduziert. Im Rahmen des Scheinfastens kommt es zur Autophagie. (S. 143f.) Der Körper ist bestrebt, seine Zellen von Stoffwechselendprodukten, die sich über Jahre in den Zellen abgelagert haben, zu befreien und Energie zu ziehen. Diese Stoffwechselendprodukte kann man umgangssprachlich getrost als Müll bezeichnen. Mitochondrien sind wie bereits erläutert auf ein sauberes Zellmilieu angewiesen. Erfreulicherweise werden auch sog. Autoimmunzellen, die offenbar sehr empfindlich auf das Nahrungsdefizit reagieren, deutlich reduziert, was die entzündungshemmende Wirkung des Fastens u. a. erklärt. Aus meiner Sicht stellt das Scheinfasten und die damit verbundene Autophagie die entscheidende Modifikation der Fastentherapie dar.
Ob einem ME/CFS- oder Long-COVID-Patienten überhaupt ein Scheinfasten zugemutet werden kann, ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Der Kräftezustand kann sich insbesondere bei zu langem Fasten ggf. verschlechtern. Solche Fälle sind beschrieben worden, aber nicht für das Scheinfasten. Bitte keine Risiken eingehen!
Wir verfügen über weitere Therapiesäulen, um den Gesundheitszustand und die Lebensqualität zu verbessern. Wenn überhaupt gefastet werden soll, dann nur nach den Regeln des Scheinfastens, um alle positiven Fasteneffekte zu generieren und insbesondere durch die damit verbundene Autophagie die Zellen zu „entmüllen“. Gegebenenfalls kann versucht werden, zunächst nur einen Tag ein Scheinfasten durchzuführen. Es kann unter Umständen zu leichten Kreislaufstörungen, z. B. Schwindel beim Aufrichten kommen. Hier ist bei niedrigem Blutdruck eine Tasse gesalzene Gemüsebrühe ausgesprochen hilfreich.
Der Prozess der Autophagie beschreibt die Zellreinigung von körpereigenen Substanzen und ist streng zu trennen von dem der Entgiftung, bei der sog. Xenobiotika im Rahmen eines Entgiftungsprozesses aus dem Stoffwechsel entfernt werden. (S. 152ff.) Xenobiotika sind körperfremde Substanzen wie Schwermetalle, Isocyanate, Halogenkohlenwasserstoffe, Lindan, DDT etc. Leider ist es so, dass die Fähigkeit eines Organismus, sich von schädlichen Substanzen oder Giften zu befreien, in der Bevölkerung sehr unterschiedlich ausgeprägt ist, da hier vererbungsbedingte Ursachen eine Rolle spielen können. Wenn also bei einer Erkrankung auch eine Entgiftungsstörung in Betracht gezogen werden muss, ist es möglich, mit Hilfe einer Blutanalyse in einem Speziallabor genetisch bedingte Entgiftungsstörungen zu diagnostizieren. Wenn der Körper nicht in der Lage ist, Xenobiotika zu entfernen, kommt es zu einer erhöhten Giftigkeit in der Zelle mit den Folgen eines vermehrten sog. nitrosativen/oxidativen Stresses und zum zusätzlichen Verbrauch von Antioxidantien.
Der sog. Teufelskreislauf, der durch diesen nitrosativen/oxidativen Stress entsteht, ist hauptverantwortlich für die dauerhafte Schädigung der Mitochondrien, hält somit das Krankheitsgeschehen aufrecht und muss durchbrochen werden. Die Blutuntersuchung, welche wie angesprochen eine Vollblutmineralanalyse mit potenziell toxischen Substanzen umfasst, kann erste entscheidende Hinweise geben. Am häufigsten ist Cadmium erhöht, welches jahrzehntelang im Körper verbleiben kann und vielfältige Störungen, auch in den Mitochondrien auslösen kann. Hauptimporteur für Cadmium ist der Zigarettenrauch. Der Entgiftungsvorgang ist ausgesprochen komplex und wird im Buch ausführlich behandelt. Wenn zu wenig therapeutischer Fortschritt zu verzeichnen ist, muss weitere Spezialdiagnostik im Hinblick auf die Entgiftung erfolgen. Denken Sie immer wieder daran, wie empfindlich Mitochondrien z. B. auf Umweltgifte reagieren.
Vierter Abschnitt: Rückblick auf Abschnitt 3, Mikronährstofftherapie IV, Atemübungen, Kälteanwendungen
Zunächst werden wieder mögliche Veränderungen bei den Kanadischen Konsenskriterien, beim PEM- und Bell-Score besprochen.
Bei der vierten Etappe der Mikronährstofftherapie werden jetzt Vitamin C, Vitamin E in Form von Weizenkeimöl, Carnitin, Ω-3-Fettsäuren und ggf. α-Ketoglutarat in den Behandlungsplan aufgenommen. (S. 227ff.) Die Mikronährstoffe der ersten drei Etappen werden unverändert eingenommen.
Die beiden letzten Therapiesäulen, Atemübungen und Kälteanwendungen, verhalten sich wie Zwillinge.
Nach der Lektüre des Buches „Nie wieder krank“ des Niederländers Wim Hof habe ich mich ausführlich mit dem Thema Kälteanwendungen und Atemübungen beschäftigt. Mit den dort beschriebenen Atemtechniken ist es möglich, sich binnen kurzem auch der Kälte auszusetzen. Doch eine wichtige Anmerkung vorab: Die thermostatische Intoleranz bei ME/CFS ist eine abnormale Empfindung gegenüber Temperaturveränderungen und ein wichtiges Diagnosekriterium der Kanadischen Konsenskriterien. Die ME/CFS-Symptomatik kann zunehmen! (S. 184)
Ist dennoch der Versuch einer Kälteexposition sinnvoll? Ein vorsichtiger Versuch im Beisein einer vertrauten Person sollte in jedem Fall unternommen werden. Diesbezüglich beschreibt Wim Hof sehr sorgfältig ein langsames Herantasten an die Kälte mit dem Ziel, durch regelmäßiges kaltes Duschen und Atemtechnik zu lernen, die Kraft der Kälte optimal zu nutzen. Kälte ist einer der besten Wege, die zu einer Mitochondrienrehabilitation führen. Die Kälte aktiviert die beiden Enzyme AMPK und SIRT1 und den Transkriptionsfaktor PGC-1α. Diese drei spielen eine zentrale Rolle im Mitochondrienstoffwechsel. AMPK stimuliert die Bildung neuer Mitochondrien, verbessert die Verbrennung durch Aktivierung der Fettsäureoxidation und aktiviert Stoffwechselwege bei der Autophagie. SIRT1 ist für die Aktivierung von PGC-1α zuständig, verbessert die ATP-Produktion, schützt die Mitochondrien vor sog. reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) und fördert den Abbau von dysfunktionalen Mitochondrien. PGC-1α stimuliert im Wesentlichen ebenfalls die Neubildung von Mitochondrien. Damit gilt: Die Anwendung von Kälte ist Mitochondrien-Medizin! In einem 28-Tage-Programm erläutert Wim Hof das notwendige Vorgehen.
Kommen wir zu einem ganz wesentlichen Effekt einer Atemtechnik bzgl. der gestörten Gefäßfunktion. Wenn Sie nach dem Ausatmen Ihren Atem anhalten, wird Stickstoffmonoxid (NO) durch die Gefäßinnenhaut (Endothel) freigesetzt. NO wird durch die endotheliale NO-Synthase produziert und reguliert den Spannungszustand, also die Verengung oder Erweiterung der Arterien.
Mit Hilfe einer so einfachen Technik wird eine Gefäßerweiterung erzeugt, das A und O in der Behandlung der endothelialen Dysfunktion der ME/CFS- und Long-COVID-Patienten. Die Atemübungen sind sicherlich unproblematisch und auch bei einem niedrigen Bell-Score zumutbar. Eine Behandlungsserie bei einem Atemtherapeuten ist sinnvoll. (S. 192ff.)
Und noch etwas: Ich werde oft gefragt, ob und wann wieder Sport ausgeübt werden darf. Sport ist ein wesentliches Element bei der Behandlung vieler Erkrankungen. Für ME/CFS- und Long-COVID-Betroffene gilt, dass durch moderaten Ausdauersport neue Mitochondrien gebildet werden können. Für viele ME/CFS- und Long-COVID-Patienten mit niedrigem Bell-Score ist Sport faktisch unmöglich. Hier müssen zunächst die dysfunktionalen Mitochondrien rehabilitiert werden. Ein zu früher Beginn kann bei diesen Patienten zu einer PEM-Symptomatik oder einem Crash führen. Dies ist eine reale Gefahr! Patienten mit hohem Bell-Score – dies gilt vor allem für Long COVID Patienten – kann ein sehr vorsichtiges Herantasten im Rahmen eines sehr moderaten Ausdauerprogramms für Fortschritte sorgen. Die Anzahl der Mitochondrien wird zunehmen, aber nur, wenn ganz langsam, Schritt für Schritt, mit vielen Pausen ein ganz moderates Programm absolviert wird. (S. 239ff.)
Liebe Leserinnen und Leser, ich bin am Ende meiner Ausführungen angelangt.
Ist dieses multimodale Therapiekonzept DIE Lösung bei den Multi-Systemkrankheiten? Ganz bescheiden: DIE Lösung haben wir noch nicht gefunden. Das Feld wird intensiv beforscht, immer neue Kenntnisse werden generiert. Auch ich bin in der Therapie dieser Multi-Systemkrankheiten noch lange nicht am Ende angelangt und versuche, das Konzept immer weiterzuentwickeln und zu verfeinern.
Wir haben jedoch mit diesem multimodalen Therapiekonzept die Möglichkeit, den gesundheitlichen Zustand und die Lebensqualität von vielen Betroffenen zu verbessern. Wir müssen jetzt handeln, denn das Leid ist immens! Im Gegensatz zum volkswirtschaftlichen Schaden sind die Kosten pro Patient für dieses Therapiekonzept verschwindend gering.
Bedenken Sie noch, dass Motivation ein ganz entscheidender Faktor ist. Man kann ein Ziel nur erreichen, wenn es als sinnvoll und realistisch erkannt wird.
Das Ziel, den Gesundheitszustand und die Lebensqualität zu verbessern, ist hochgradig sinnvoll- ohne Frage. Ist es auch realistisch oder wirklichkeitsnah, dieses Ziel zu erreichen? Selbstverständlich. Diese Fälle wurden in der Literatur beschrieben.
Bleiben Sie dran, geben Sie bitte nicht auf. Wer soll das denn schaffen, wenn nicht Sie!
Herzlichst
Ihr Dr. med. Martin Noelke
Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Fördermittel: Der Autor erhielt keine finanzielle Unterstützung für die Recherche, die Erstellung und Veröffentlichung des Behandlungskonzeptes.
Datenverfügbarkeit und Quellen: Alle genannten Daten sind öffentlich zugänglich. Sämtliche Quellenverweise finden Sie im Buch „Die chronische Erschöpfung – ärztlicher Rat und Therapie bei ME/CFS und Long COVID“.
Das Buch
„Die chronische Erschöpfung – ärztlicher Rat und Therapie bei ME/CFS und Long COVID“ können Sie hier erwerben:

